Michael Klenk

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Zu meinen Bildern

Eigentlich mache ich keine Portraits. Schon immer wollte ich frei malen und zeichnen – abstrakt ohne Gegenstandsbezüge. Das gelang mir erst nach langem Prozess 1990. Trotzdem war mir der Spiegel immer wieder Inspirationsquelle, Gesichter, vor allem groß und ausschnitthaft. Die Farbe, ihre eigenständigen Formen sollen über dem Gegenüber stehen. Das sagt sich so leicht…
Ein Geniestreich war das 1960 entstandene Selbstbildnis mit schwarzer Wasserfarbe und recht dickem Pinsel. Ich war gerade 9 Jahre alt und bewunderte meine Arbeit sofort.
Ja, ich konnte was, das sah man am spontanen, ohne Vorzeichnen auskommenden Malen.
Auch später dann mit 18 Jahren immer wieder immer genauere, detailversessene Bleistiftbildnisse, die ich noch heute mit Bangen anschaue. Soviel Unsicherheit, soviel Kämpfe sowie leidvolle Erfahrungen sehe ich darin.
Das gipfelte im großen farbigen Selbstbildnis von 1975, wo ich mein an Dürer geschultes Können einforderte.
An der Akademie gab es andere Schwerpunkte.
Erst mit ca. 40 Jahren wieder Serien von sehr freien Selbstbildnissen, oder Selbstbildnis-Übermalungen. 1990-92 gab es Phasen, in denen ich fast nur Selbstbildnisse schuf.
Und nun? Zu diesem Thema scheint mir alles gesagt worden zu sein – und ist nicht jedes abstrakte Gemälde ein verstecktes Selbstbildnis?

Michael Klenk

Selbstportrait

selbstportrait slunitschek

von Dr. Matthias Slunitschek

Schneefarben

Schneefarben

Vor mir liegt ein altes art Magazin, darin ein Artikel über MK. Haare und Bart sind genauso lang wie heute, aber noch in Farbe. Ich kenne MK nur schneefarben. Aber ich schreibe auch keine Biografie. Ich erzähle nur, was ich über ihn weiß.

Ein vergilbter Artikel aus dem Zeitmagazin: Hier wird das Interieur von Politiker-Büros gezeigt. Björn Engholm, der 1988 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein wurde, steht mit verschränkten Armen vor einem Klenk, der an der Wand hinter dem Schreibtisch hängt. Der größte Skandal der Bundesrepublik liegt noch in der Luft – die Barschel-Affäre. Detektive, Bespitzelung, Manipulation der Öffentlichkeit. Engholm wollte die Inneneinrichtung seines Vorgängers nicht übernehmen. Verständlich. MKs Bild passt zur norddeutschen Nüchternheit: eine Matrix aus Zahlen und Alphabet. Alles ist offen.

Oper

Oper

Zwei Ereignisse im Jahr 1960 veränderten das Leben von MK. Er war gerade neun Jahre alt. Neugierig, aber unwissend. Die Mutter nimmt ihn mitt zum Tannhäuser von Richard Wagner, 1. Reihe, Mitte. Er war sofort süchtig: nach Opern, nach Musik, nach allem, was ineinander fließt und Kunstwerk wird.
Dann ein frühes Selbstbildnis. Mit Handspiegel und einem groben Pinsel bannt er sein Gesicht auf Papier. Schwarz in mehreren Abstufungen. Die Ähnlichkeit mit dem Jungen aus Oberrot im schwäbischen Wald ist verblüffend. Vor allem für ihn selbst.
Die Mutter zeigt ihm Toulouse-Lautrec, Gauguin, Picasso, Matisse und wie sie alle heißen. MK macht sich daran, ihre Bilder abzumalen. Kirchner, Marc, Macke und die Expressionisten haben es ihm angetan.
Beides fasziniert ihn: Imitation der Welt und ihre Verwandlung auf der Bühne. Was ist Wirklichkeit? Ich bin der Meinung, dass MK, wie er in den letzten Jahren malt, beides miteinander verbindet. Er macht das Äußere sichtbar und das Innere hörbar.
Nur eben anders: Bei ihm führen Farbe und Material eine stille Opera auf, Motive, die keiner deuten kann und die trotzdem klare Gestalt annehmen. Bei der Opera ist er der Überzeugung, dass es nicht auf den Text ankommt, sondern auf das Gesamtereignis. Es geht um die Oper, die in unserem Kopf entsteht. Oper wie Opera, das Werk.

Dunkelkammer

Dunkelkammer

Der Großvater hört Mozarts Streichquartette in der Dunkelkammer. Dort in Fornsbach verbringt MK am liebsten seine Ferien. Er darf die Fotografien an die Leine zum Trocknen hängen.
Goebbels bezahlte den Umzug des Großvaters von Ludwigsburg nach Berlin. Der spätere Fotograf des Propagandaministeriums war von Anfang an ein echter Künstler und Nazi. Die Russen brachten ihn nach dem Krieg ins KZ Buchenwald. Er kam mit seinem Leben davon. Aber mit was für einem? Das ahnt MK nicht. Hier ist er frei. Hier muss er nicht funktionieren wie zu Hause. Der Großvater sagt zum Vater an Weihnachten: „Dei Sohn wird amol koi Säger, der wird amol ä Künschtler.“ Der Vater pariert zurück: „So ein Quatsch!“, und blättert die Zeitung um.
Wenn die schwarz-weißen Bilder trocken sind, bringt MK sie zur Großmutter, die sie koloriert. Natürlich nur die schönsten. Jahrzehntelang weckt sie tote Gesichter und Hochzeitsfotos zum Leben. Eine Woche malt sie an einem Foto. Nach dem Essen schiebt sie das Geschirr mit breiter Geste von sich weg, holt Farbkasten und Bild unter dem Tisch hervor, befeuchtet die Haare am dünnen Pinsel mit der Zunge und beginnt mit dem Malen. MK sitzt daneben und malt auch. Das macht er die ganzen Ferien lang.
Dann geht die Schule wieder los. Jeden Tag um 5 Uhr das Haus verlassen, zum Bahnhof, dann mit dem Zug nach Gaildorf und anschließend noch zwei Kilometer laufen. Die Idylle ist hier weit weg. Er flüchtet sich auch hier ins Malen – ist in Gedanken bei Opa in der Dunkelkammer oder bei Oma am Tisch mit den Farben.

Die Liste

Die Liste

Das Studium ist die wichtigste Zeit im Leben von MK. Man lässt ihn keine Kunst studieren und keine Musik. Die Mappe ist nicht stark und sein Klavierspiel nicht gut genug. Aber was heißt das schon – gut genug? Scheitern ist heilsam, Zeit gewinnen, sich bewusst werden, weitermachen. Mit Mitte 30 stellt er bereits mit Anselm Kiefer, Ben Willikens und anderen in der Städtischen Galerie Villa Vauban in Luxembourg aus.
Erstmal macht er das, was man sich wünscht. Dank guter Kontakte: BWL in Rosenheim, Schwerpunkt Holzverarbeitung, Ziel: schlechtgelaunter Unternehmer zu werden wie seine Vorfahren.
Doch der Vater macht ihm ein unbeabsichtigtes Geschenk und erfüllt ihm den größten Wunsch: von zu Hause wegzukommen, ein Leben zu führen, das anders ist. In Rosenheim hat er endlich Zeit fürs Lesen, Malen und für sein Klavier.
Alles ist wieder offen: MK beginnt, eine Liste zu führen. Ausstellungen, die er besuchen, Konzerte, die er im Leben live hören möchte. Keine Wunschliste für Idealisten, sondern erreichbare Dinge.
Die Liste steht in einem Buch, das er heute, 40 Jahre später, in seinem Haus in Schwäbisch Hall-Michelfeld verloren hat. Ich frage mich, ob er das Buch wiederfinden wird, ob es überhaupt existiert. Wenn ja, ob diese Liste Verbindlichkeit besitzt. Ist MK enttäuscht, wenn er etwas streichen muss? Bleibt etwas offen und unerfüllt?
MK zeigt mir statt des Buches das Foto eines indigenen Kindes, das er auf einer seiner Reisen kennengelernt hat. Es nahm MK still an die Hand und führte ihn auf Graswegen in sein Dorf. Die Menschen saßen schweigend zusammen, nur ab und zu fiel ein Wort. Es war das Land seiner Träume.

Cy

Die Liste

CY steht auf MKs Auto-Kennzeichen und unter seinem Whatsapp-Profil. Ich habe spät begriffen, was das bedeutet.
Es gibt keinen Weg zurück: Nach dem BWL-Diplom studiert MK doch noch Kunst. Wenn ihn jemand fragt, wie man Künstler wird, antwortet er: Nichts dafür tun, bis man so weit ist, dann nur noch Kunst machen. Das war die eigene Erfahrung: Einfach nur leben, bis man etwas hat, um es der Welt mitzuteilen. In seinen Bildern steckt konkretes Erleben. So nehmen die Bilder seine Handschrift an. Es ist weniger die Technik als der Künstler, der für Wiedererkennen und Ähnlichkeit sorgt.
Trotzdem gibt es ein Vorbild. Niemand kommt aus dem Nichts. Professor Schoofs zeigt MK CY Twombly. CY, das steht für Cyrus, mehr noch für Cyclon – wie ein Wirbelsturm über dem Meer entstehen seine Werke. Die anderen Studenten lästern über die Schüler mit ihren Kleksen und Strichen: die schoofeln nur. Die Begegnung mit Twomblys Werk führt zu einem Nullpunkt. Kein Neuanfang, keine Wende, einfach alles auf Null. Als MK das erste Mal direkt vor einem Gemälde von Twombly steht, weiß er sofort, was er vor sich hat und wonach er sich selbst sehnt: Freiheit. CY ist die Chance seines Lebens.
Die Beiden entscheiden sich wie Schwarz und Weiß. Twombly, der Stotterer, isoliert in seiner Schüchternheit bis zum Tod. Und MK, vorne steht und sich Halsketten anlegt und goldene Auftritte liebt. Schon als Student fährt er mit abgelegten Mercedes-Modellen vor, wo andere mit dem Hollandrad kommen.
Die geistige Verwandtschaft der Künstler ist sichtbar. Doch beide gehen ihren eigenen Weg. Konventionen gibt es nicht. Man greift alte Themen und Legendes auf und macht sie jeweils zu seinem Eigenen.
Meistens antwortet MK nicht, wenn ich ihm eine Whatsapp schreibe. Ich tue es trotzdem. CY steht unter seinem Namen und ich werde daran erinnert, dass er stolz darauf ist, diese Freiheit, die sich Twombly genommen hat, auf seine eigene Weise selbst erreicht zu haben.

Malen

Malen

MK besitzt einen Malerkittel, aber er findet nie Zeit, ihn anzuziehen. Es kommt vor, dass er von der Oper nach Hause kommt und sich direkt ans Werk macht – die Melodien noch im Kopf. Seine Arbeit entsteht aus einem inneren Zwang heraus, aus dem Gefühl des Machen-Müssen. Oft bleiben davon Flecken auf der Kleidung übrig.
Die Bilder nehmen den ganzen Raum ein. MK kommt im vollgestopften Atelier nicht an alle Farben heran. Dann nimmt er sich die erstbeste Tube und malt weiter. Er macht daraus kein Geheimnis. Wer ihn fragt, wie er diese Stimmung erzeugt, bekommt zur Antwort: Ich nehme die Farben, die in greifbarer Nähe sind. Dann lacht der Fragende. Wahrheit ist meistens unglaubhaft.
Auf Kreuzfahrtschiffen malt MK mit dem, was ihm zur Verfügung steht. Nur wenn Blau fehlt, weiß er sich zu helfen und köpft die Patrone aus dem Füller. Blau hat er genug.
MK genießt das: aus der Not heraus arbeiten. Wenn die Freiheit seiner Arbeit eingeschränkt wird. Wenn die Zeit fehlt. Wenn er die Farbe nicht findet, die er sucht. Nirgendwo nimmt man Freiheit mehr wahr als in ihren Grenz- und Graubereichen. Dort, wo der kreative Prozess durch die banale Wirklichkeit gestört wird, wird der Mensch hinter dem Bild sichtbar. Das tut MKs Werken gut und macht sie so individuell. Anders zu sein als die anderen, das ist ihm schon immer wichtig, sowohl als Mensch als auch als Künstler.

Gute Bilder

Gute Bilder

Malen ist für MK kein Spaß, malen ist harte Arbeit, malen tut weh. MK malt Nächte hindurch. Es gibt Bilder, die nicht fertig werden wollen. Selbst wenn ein Bild nicht seinen Vorstellungen entspricht, verwirft er es nicht. Er übermalt, verbessert, korrigiert. Das ist für ihn künstlerische Arbeit, weitermachen bis zum Ende. Nicht selten geht nach einigen Monaten, wenn MK einem Bild zufällig wieder begegnet, alles wieder von vorne los. An der Oberfläche seiner Bilder erkennt man die vielen kleinen Schritte, die notwendig waren, um anzukommen. Auch wenn ich nie verstehe, wo er angekommen zu sein glaubt.
Freiheit braucht Unabhängigkeit. Aber woher nehmen? Die Leistungen vorhergehender Generationen mit eigenen Mitteln weiterzuentwickeln – eine Lebensaufgabe für MK.
Mir kommt MKs Malen vor wie Jakobs Kampf mit dem Engel. Ein Mythos, den er mit seiner Arbeit fortschreibt, ohne es zu wissen: Er ist einer, der einem Fremden begegnet. Er steht ihm im Weg. Beide sind sich ebenbürtig und kämpfen die ganze Nacht hindurch, ohne zu wissen, warum. Der Fremde verletzt MK an der Hüfte, aber MK gibt nicht auf. Sie kämpfen bis zum Morgengrauen. Dann lässt der Fremde von ihm ab. MK will erst loslassen, wenn der Fremde ihn segnet. Dann ist das Bild fertig.
Kann man von Kunst gesegnet sein? Kann sie einen verletzen, sodass man sein Leben lang humpelt? Wenn MK von guten Bildern spricht, dann hat er keinen Kampf mit dem Engel vor Augen. He denkt an den riesigen Schwertfisch, den er an der Küste Ecuadors gesehen hat, vor ihm stand der Angler - mit Andacht und Respekt.
MK hat mir gesagt: Schreib über mich, was du willst. Manchmal ist er leichtsinnig. Aber wenn ein Künstler so unabhängig ist von der Meinung anderer, dann hat er alles im Leben erreicht.

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